Grundsätze

1. profiliert

Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden. Denn dies ist ja unser Bekenntnis: Einer ist Gott, und einer ist der Vermittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Jesus Christus. Er gab sein Leben, um die ganze Menschheit von ihrer Schuld loszukaufen. Das gilt es zu bezeugen in dieser von Gott vorherbestimmten Zeit. (1.Tim 2,4-6)

Wenn das „Schiff, das sich Gemeinde nennt“ kein Ziel hat, auf das es zusteuert, dann treibt es orientierungslos auf dem Meer der Zeit und ist hilflos den gesellschaftlichen Strömungen und Wechselwinden der zeitbedingten Anschauungen und Ansichten ausgeliefert. Gemeindearbeit braucht ein klares Profil, um auf dem „religiösen Markt“ des 21. Jahrhunderts bestehen zu können: Wenn unsere Angebote beliebig und austauschbar sind, wenn nicht mehr klar ist, für was wir eintreten, dann können die Menschen ihr „Heil“ auch anderswo suchen.
„Profilierte Gemeindearbeit“ – das heißt vor allem: Orientierung an Christus als Mitte und Maßstab des Glaubens. Seine Botschaft hilft auch modernen Menschen bei der Beantwortung der Sinnfrage. Sein Reden und Handeln enthält ein ungeheures Veränderungspotential für unsere Gesellschaft hin zu einem solidarischen und versöhnten Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Lebensweisen und Frömmigkeitsstilen.
Zu diesem Profil gehört, sich neu der evangelischen Identität bewusst zu werden: Dass Menschen vor Gott nicht aufgrund ihrer religiösen Leistungen bestehen, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit, und dass sie ohne priesterliche Vermittlung unmittelbaren Zugang zu Gott haben, sind bleibende Erkenntnisse der Reformation. Die Herausforderung heute besteht darin, diese theologischen Lehrsätze in den Lebensvollzügen der Gemeinde erfahrbar werden zu lassen.
Ein klares evangelisches Profil schließt keineswegs ökumenische Weite und Offenheit aus: Von katholischen und freikirchlichen Geschwistern, von Christinnen und Christen aus anderen sozialen Bezügen und Kontinenten können wir vieles lernen, was in unserer eigenen Tradition und Biographie zu kurz gekommen ist.
Was eine Gemeinde auszeichnet und bestimmt, soll schließlich in einem Leitbild zusammengefasst werden: Einer „Vision“, die Antwort gibt auf die Frage: Wer sind wir und was wollen wir? Dabei geht es nicht um Traumtänzereien, sondern um realistische Ziele, die ihre Grundlage im biblischen Auftrag für die Gemeinde haben. Aufgabe der Gemeindeleitung ist es, diese „Vision“ immer wieder neu zu vermitteln und die Arbeit der Gruppen und Kreise darauf auszurichten.

2. zieldefiniert

Alle, die an einem Wettkampf teilnehmen wollen, nehmen harte Einschränkungen auf sich. Sie tun es für einen Siegeskranz, der vergeht. Aber auf uns wartet ein Siegeskranz, der unvergänglich ist. Darum laufe ich wie einer, der das Ziel erreichen will. Darum kämpfe ich wie ein Faustkämpfer, der nicht daneben schlägt. (1.Kor 9,25-26)

Gemeindearbeit ist stark zyklisch geprägt: von Advent über Weihnachten und Ostern bis zum Ewigkeitssonntag, von Konfigruppe zu Konfigruppe … Wir fragen wenig: Zu welchen Zielen sind wir unterwegs? Wo wollen wir in zwei Jahren stehen? Das eine große Lebensziel, von dem Paulus im 1. Korintherbrief spricht, ist die unvergängliche Gemeinschaft mit Gott, die den Tod überdauert. Auf dem Weg zu diesem Ziel gibt es für die Gemeinde Aufträge, z.B. andere Menschen mit der frohen Botschaft von Jesus Christus vertraut zu machen. Und die Erfüllung solch umfassender Aufträge gliedert sich wieder in zahlreiche Aufgaben mit einzelnen Schritten und Zielen.
Und nur wenn wir uns auf diesem Weg konkrete Ziele setzen, gibt es auch Kontrollmöglichkeiten: Haben wir die gesteckten Ziele erreicht? Wenn nein: Liegen die Ursachen in unvorhersehbaren Ereignissen, in falschen Annahmen oder in Fehlentscheidungen? Oder gibt es andere Gründe?
Arbeiten mit konkreten Zielen bietet Chancen zur Entlastung: Zielbestimmungen sollen ja nicht nur präzise, prüfbar und herausfordernd sein, sondern auch nach Prioritäten geordnet und realistisch (d.h. durch eigene Anstrengungen erreichbar!). Das heißt dann unter Umständen auch, sich für die nächste Planungsperiode weniger vorzunehmen anstatt unzufrieden hinter unerfüllbaren Vorgaben herzuhecheln. Bestimmte Dinge zurückzustellen, vielleicht sogar Liebgewonnenes zu beenden, wenn etwas anderes Vorrang hat.
So wird auch der Weg frei für Überlegungen zum effektiven Einsatz des Potentials an Mitarbeitenden und Finanzen. Es geht dabei nicht nur darum, bestimmte Prioritäten zu setzen, sondern Rechenschaft darüber abzulegen, was wir warum und mit welchem Ziel machen. Und alle Ausgaben gehören im Blick auf ihren Beitrag zu den Zielen der Gemeindearbeit hinterfragt. Im besten Fall entsteht so im Ergebnis ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess.
Schließlich wird auch die Verbindlichkeit unter den Mitarbeitenden gefördert: Wo Ziele nicht offen gelegt und klar benannt werden, bestimmen heimliche Vorgaben die Richtung: Gruppeninteressen, einzelne starke Persönlichkeiten oder Einflüsse von außen. Es besteht die Gefahr, dass diejenigen, die sich dabei nicht hinreichend vertreten fühlen, ihr Engagement zurückschrauben. Der manchmal mühselige Prozess zur Zielvereinbarung und -überprüfung fördert die Gemeinsamkeit der verschiedenen Teilbereiche der Gemeindearbeit.

3. gabenorientiert

Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. (1.Petr. 4,10)

Unsere kirchliche Arbeit ist oft aufgabenorientiert: Bestimmte Dinge müssen gemacht werden, weil es ein Angebot oder einen Kreis schon immer gab. Dafür suchen wir dann manchmal händeringend Leute. Künftig sollten wir mehr von den vorhandenen Gaben als von den vorhandenen Aufgaben her denken und fragen: "Was können die Menschen gut, die mitarbeiten wollen?" "Wo können wir sie ihren Gaben entsprechend einsetzen?"
Zunächst scheint dies schwierig zu sein. Denn es heißt unter Umständen dann ja auch, von Liebgewordenem Abschied zu nehmen. Aber wenn wir stärker in diese Richtung denken, gibt es vielleicht ganz neue Aktivitäten. Außerdem werden wir nur mit guten Angeboten Menschen ansprechen können. Dafür müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur qualifiziert sein, sondern sich an ihrem Platz auch wohl fühlen und den Eindruck haben: Das, was ich mache, entspricht meinen Gaben und Fähigkeiten!
Wenn ich weiß, dass ich meine Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht nur meinen Genen verdanke, sondern auch der Güte meines Schöpfers, werde ich sie verantwortlich einsetzen: Ich weiß, dass ich Gott als Haushalter seiner Gaben Rechenschaft darüber schuldig bin, was ich aus ihnen mache. Die Gaben sind uns anvertraut, damit wir mit ihnen einander und unseren Mitmenschen dienen. In diesem Sinn sind kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deshalb auch keine "Ehren"-Amtlichen: Menschen, die ein öffentliches Amt oder eine Tätigkeit anstreben, um damit Anerkennung zu erzielen. Diese Anerkennung soll und darf auch sein. Aber sie ist zu wenig als Motivation für das Engagement in der Gemeinde. Uns ist eine große Aufgabe anvertraut: Im gemeinsamen Dienst jetzt schon etwas vom Reich Gottes sichtbar werden zu lassen – jeder und jede mit ganz besonderen Gaben.



4. mitarbeiterzentriert

Ihr aber seid das erwählte Volk, das Haus des Königs, die Priesterschaft, das heilige Volk, das Gott selbst gehört. Er hat euch aus der Dunkelheit in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr seine machtvollen Taten verkündet. (1. Petr 2,9)

In unserer volkskirchlichen Tradition haben wir uns immer stärker zu einer Pfarrer- und Betreuungskirche entwickelt. Aber Gemeindeaufbau stößt dabei schnell an Grenzen: Wie viele Hausbesuche kann eine Pfarrerin oder ein Pfarrer machen? Wie viele Gruppen selbst leiten oder wenigstens regelmäßig besuchen? Wie vielen Menschen sich neben allen anderen Verpflichtungen seelsorgerlich zuwenden? 10 oder 20? Mehr sicher nicht!
Bei Gemeinden mit über 2.000 Gemeindegliedern sowie zahlreichen Gruppen und Kreisen, kommen immer nur einige in den Genuss der Kompetenz und besonderen Zuwendung der Pfarrerin. Was ist mit den anderen? Und wer entscheidet über die Auswahl? Die Bedürftigkeit oder die Fähigkeit, die eigenen Interessen lautstark oder einfach nur geschickter als andere zu artikulieren? Und was ist, wenn eine Pfarrerin oder ein Pfarrer bestimmte Begabungen nicht hat, für die ein Bedarf besteht?
Um den wachsenden Bedarf an Fürsorge, Aussprache und Beratung abdecken zu können, ohne dass die Qualität der Gemeindearbeit darunter leidet, muss das künftige Leitbild lauten: „Die Pfarrerin ist für die Mitarbeiter da, die Mitarbeiter sind für die Gemeinde da!“
Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer ist dann primär, ihr Fachwissen an andere weiterzugeben, Mitarbeitende durch Schulungen und Coaching zu befähigen, am verkündigenden, seelsorgerlichen und diakonischen Auftrag der Kirche teilzuhaben.
Es sind verstärkt Möglichkeiten zu einem zeitlich begrenzten Engagement zu eröffnen, weil sich Menschen heute aufgrund der steigenden beruflichen und familiären Herausforderungen oft nur begrenzt verpflichten können.
Pfarrerinnen und Pfarrer müssen dann kompetenten Mitarbeitenden auch mehr Eigenverantwortlichkeit zugestehen und ihnen Freiräume zur Realisierung eigener Ideen eröffnen.
Auf Seiten der Mitarbeitenden und Gemeindeglieder setzt das ein neues „Selbst-Bewusstsein“ voraus: Wie in den frühen Gemeinden hat jede Christin und jeder Christ ein besonderes „Amt“. Und alle gemeinsam partizipieren an dem einen Auftrag, den die Reformatoren als „Priestertum aller Gläubigen“ bezeichnet haben: Auf vielfältige Weise und mit unterschiedlichen Begabungen die Botschaft von der Liebe Gottes unter die Leute zu bringen.



5. teamstrukturiert

Wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus, die einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes erfüllt sind. Ihnen wollen wir diese Aufgabe übertragen. Wir selbst werden uns auch weiterhin mit ganzer Kraft dem Gebet und der Verkündigung der Botschaft Gottes widmen. (Apg 6,3+4)
Gottseidank gibt es in unseren Gemeinden auch heute noch zahlreiche Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Manche ganz im Verborgenen oder zeitlich begrenzt, aber deshalb nicht weniger wichtig. Denn nur so können Veranstaltungen durchgeführt und zahlreiche Gruppen angeboten werden und Menschen auf vielfältige Weise Hilfestellung und Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen erhalten.
Bei hundert und mehr Mitarbeitenden ist jedoch ein großer organisatorischer Aufwand nötig, um Termine abzuklären und notwendige Absprachen zu treffen. Wer mitarbeitet hat außerdem Anspruch auf Schulung und Begleitung. Alleine diese Tätigkeiten übersteigen die Möglichkeiten einer einzelnen Pfarrerin bei weitem. Erforderlich sind Teams, deren Mitglieder bestimmte Aufgaben in relativer Eigenständigkeit wahrnehmen und sich in der Ausübung dieser Tätigkeit wechselseitig unterstützen. Das kann z. B. ein Team im organisatorischen Bereich sein, das sich um die Kleinreparaturen zur Gebäudeinstandhaltung kümmert oder eine Gruppe, die inhaltlich arbeitet, indem sie den Jugendtreff vorbereitet und gestaltet.
In diesem Zusammenhang kommt der Teamleitung eine wichtige Funktion zu: Sie gewährleistet den Informationsfluss von und zur Gemeindeleitung, sorgt für den Zusammenhalt im Team und kann im kleinen, überschaubaren Bereich bei Problemen unmittelbar reagieren. Optimal wäre es, wenn es in jedem Team stellvertretende LeiterInnen gäbe, die in Leitungsverantwortung hineinwachsen („Learning by doing").
Es ist nicht einfach, eine solche Struktur in einer Kirchengemeinde zu installieren (und schon gar nicht durchgängig in allen Teilbereichen der Gemeindearbeit), aber die Vorteile liegen auf der Hand:
Wo sich so etwas wie ein Wir-Gefühl in einer Gruppe entwickelt, können sich deren Mitglieder wechselseitig motivieren und stärken. Im regelmäßigen und angeleiteten Erfahrungsaustausch geschieht schon eine Form der Zurüstung zum Dienst.
Den Leitenden der einzelnen Teams können gezielt Kompetenzen vermittelt werden, z. B. im Blick auf Gesprächs- und Mitarbeiterführung. Dieses Wissen können sie dann in ihrem Bereich weitergeben. Auf diese Weise multipliziert sich das Schulungsangebot, ohne dass Einzelne mit dieser Aufgabe überfordert werden.



6. kleingruppenbasiert

Tag für Tag versammelten sie sich einmütig im Tempel, und in ihren Häusern hielten sie das Mahl des Herrn und aßen gemeinsam, mit jubelnder Freude und reinem Herzen. (Apg 2,46)

Der öffentliche Gottesdienst gilt in unserer kirchlichen Tradition als Zentrum des Glaubens. Aber in Gemeinden mit über 2.000 Gemeindegliedern reicht er alleine nicht aus, um dem Gemeinschaftsaspekt des christlichen Glaubens und einem entsprechendes Bedürfnis vieler Menschen gerecht zu werden.
In der urchristlichen Gemeinde stand das Zusammensein "in den Häusern" gleichberechtigt neben dem Tempelbesuch. Heute bieten vielerorts neue Angebote wie ein Kirchenkaffee oder Freizeiten zusätzliche Begegnungsmöglichkeiten. Aber Kleingruppen leisten darüber hinaus wesentlich mehr.
Vor allem eröffnen sie Räume zum Gespräch über Glaubens- und Lebensfragen und ermöglichen auf diese Weise Einübung im Glauben. Im kleinen Kreis ist das Einbringen der eigenen Meinung leichter möglich. Zweifel haben ihren Platz und die Vielfalt der Meinungen ermutigt die Teilnehmenden, ihren eigenen Zugang zum Glauben zu finden und persönlich zu verantworten. Der intensive Gedankenaustausch fördert die Sprachfähigkeit, die erforderlich ist, um den christlichen Glauben im eigenen Lebensumfeld einladend zu vertreten. Deshalb sind sie zugleich der ideale Ort, um Interessierte neu an die Gemeinde heranzuführen.
Christlicher Glaube ist immer Glaube in Gemeinschaft. Kleingruppen ermöglichen ein echtes Miteinander und verlässliche Beziehungen. Verschiedene Formen (Hauskreise, Gesprächskreise, Aktionsgruppen, Kommunitäten, Reisen) und thematische Schwerpunktsetzungen (z.B. Angebote für Singles, junge Erwachsene, Trauernde oder theologisch Interessierte) erlauben es, auf unterschiedliche Bedürfnisse und Lebenssituationen angemessen einzugehen.
In diesem Rahmen kann sich dann auch wechselseitig seelsorgerliche Begleitung und Zuwendung ereignen, die bei weitem das Maß dessen übersteigt, was eine Pfarrerin oder ein Pfarrer selbst für einige wenige Gemeindeglieder leisten kann.
Und bei alledem fördern Kleingruppen eine gewisse Kontinuität über den Wechsel von Pfarrerinnen und Pfarrern hinaus.
Damit Kleingruppen ihre volle Wirksamkeit für den Gemeindeaufbau entfalten, müssen sie eine gewisse Verbindlichkeit an den Tag legen und zugleich immer wieder Offenheit für neue Mitglieder entfalten. Sie sollten ganzheitlich strukturiert sein, also unterschiedliche Bedürfnisse wie die nach einem inspirierenden Gedankenaustausch, nach geistlichem Wachstum, Gemeinschaft und wechselseitiger Anteilnahme befriedigen. Die Anbindung an die Gemeinde kann bewusst gefördert werden, z.B. durch gemeinsames Engagement bei einer Festvorbereitung oder bei der Mitgestaltung eines Gottesdienstes.



7. außenorientiert

Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden.(1. Tim 2,4)
Wenn ich mit Menschen zu tun hatte, deren Glaube noch schwach war, wurde ich wie sie und machte von meiner Freiheit keinen Gebrauch - nur um sie für Christus zu gewinnen. (1. Kor 9,22)

Christliche Existenz bewegt sich zwischen den Polen von „Sammlung“ und „Sendung“, „Kontemplation“ und „Aktion“. Deshalb ist es zwar berechtigt nach dem persönlichen Nutzen des Glaubens zu fragen und danach, was einem Kirche oder Mitarbeit in der Gemeinde selbst „bringt“. Genauso wichtig ist jedoch, sich auf andere Menschen mit ihren Bedürfnissen, Sorgen und Nöten einzulassen.
In einer Zeit, in der eine zunehmende Individualisierung mit stark neurotischen Tendenzen einhergeht, ist dies eine unbequeme Herausforderung, an der jedoch kein Weg vorbeiführt: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.“ (Dietrich Bonhoeffer)
Wie kann eine Gemeinde aussehen, die für die Menschen in ihrem Umfeld da ist? Unsere Gemeinden sind häufig noch von Komm- statt von Geh-Strukturen bestimmt: Wir erwarten, dass Menschen zu uns kommen und unsere Angebote annehmen, anstatt dass wir auf sie zugehen, sie in ihrem Lebensumfeld aufsuchen.
Künftig wird aber gerade Letzteres besonders wichtig sein: Menschen können heute aus einer Fülle von sinnstiftenden Angeboten auswählen, die Kirche hat hier kein Monopol mehr. Und genauso stehen heute jedem unzählige Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung offen. Wofür Menschen sich entscheiden, hängt stark von individuellen Zugängen ab. Und dafür sind persönliche Kontakte meistens ausschlaggebend. Wo Menschen ein Stück ihres Lebens miteinander teilen, wird es wahrscheinlicher, dass sie sich auch dafür interessieren, was das Leben des jeweils anderen prägt und bestimmt.
Unterstützend kommt im Medienzeitalter ein öffentlichkeitswirksames Auftreten der Gemeinde dazu. Das äußere Erscheinungsbild „predigt“ lange bevor im Gottesdienst überhaupt nur ein Wort gesprochen ist. Hierzu gehören von der Schaukastengestaltung über den Gemeindebrief und die Pressearbeit bis hin zum Zustand der kirchlichen Gebäude und ihrer Außenanlagen viele ganz unterschiedliche Dinge.
Wichtiger sind jedoch niedrigschwellige Angebote wie Konzerte, Kinoabende oder Feste, zu denen Außenstehende leichter eingeladen werden können als zu den traditionellen Veranstaltungen.
Daneben braucht es spezielle Angebote für so genannte „kirchendistanzierte“ Menschen. Angebote, die ihre Lebensthemen aufgreifen, Gottesdienstformen, zu denen sie leicht Zugang finden, Projekte, die ein zeitlich begrenztes Engagement ermöglichen.
Da aber eine einzelne Gemeinde nicht auf die ganze Vielfalt der unterschiedlichen Bedürfnisse und besonderen Lebenssituationen eingehen kann, muss es künftig verstärkt zu Schwerpunktbildungen und Kooperationen kommen.
Alle diese Bemühungen sind jedoch nicht Selbstzweck, sondern konkretisieren das, was Jesus seiner Gemeinde im Taufbefehl als Auftrag mit auf den Weg gegeben hat: „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker!“ (Mt 28,19)



8. eigenfinanziert

Jeder soll so viel geben, wie er sich in seinem Herzen vorgenommen hat. Es soll ihm nicht leid tun, und er soll es auch nicht nur geben, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Gott liebt fröhliche Geber! (2. Kor 9,7)

Die finanziellen Rahmenbedingungen der Kirche werden schwieriger. Verantwortlich dafür sind in erster Linie die sinkenden Kirchensteuereinnahmen aufgrund von Kirchenaustritten und dem anhaltenden Geburtenrückgang, durch den auch die Mitgliederzahlen der Evang. Landeskirche zurückgehen. Die anstehende Steuerreform wird die Einnahmen weiter drastisch sinken lassen, während die Ausgaben durch die indirekten Steuern (Ökosteuer usw.) und die Lohnnebenkosten der kirchlichen Mitarbeitenden weiter steigen.
Die Landeskirche erwartet auf gemeindlicher Ebene verstärkt Eigenverantwortung. Die Einsparpotentiale sind schnell ausgeschöpft. Die Gemeinden sollen Prioritäten für ihre Arbeit festsetzen und den Einsatz von Geldern, Haupt- und Ehrenamtlichen daran orientieren. Kirchensteuermittel, die sonntäglichen Opfer und das freiwillige Kirchgeld derjenigen, die keine Kirchensteuer zahlen, werden nur noch die so genannte "Grundversorgung" sichern: Taufen, Trauungen, Konfirmation, Beerdigungen, einige Besuche und Gottesdienste.
Zugleich steigen die Anforderungen an die Gemeinden, z.B. in der Begleitung älterer und einsamer Menschen oder in der Kinder- und Jugendarbeit. Vieles können Ehrenamtliche nur mit einer entsprechenden neben- oder hauptamtlichen Begleitung leisten. Es ist also kein Personalabbau, sondern eher das Gegenteil erforderlich. Solche Herausforderungen, aber auch andere Dinge wie Mitarbeiterschulungen oder eine attraktive Öffentlichkeitsarbeit, müssen Gemeinden verstärkt durch Eigeninitiativen finanzieren. Üblicherweise geschieht dies durch projektbezogene Spendenbitten oder Einnahmen bei Festen und Konzerten. Künftig werden auch Bemühungen um Fördermittel und Sponsorengelder wichtiger. Will man jedoch PfarrerInnen und Älteste nicht über Gebühr mit Geldbeschaffungsmaßnahmen beanspruchen, bedarf es eines weiteren Standbeins für die Gemeindefinanzierung, das längerfristig regelmäßige Einnahmen garantiert. Denn nur noch 30 % der Kirchenmitglieder zahlen Kirchensteuer. Die anderen sind Kinder, Schüler, in Ausbildung, Rentner, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger oder Empfänger geringer Einkommen. Ein Förderverein oder eine Stiftung sind deshalb dringend erforderlich, um Projekte des Gemeindeaufbaus zu finanzieren. Prinzipiell sind die Sparzwänge nicht nur eine Krise: Sie eröffnen zugleich Chancen zum grundsätzlichen Gespräch über Kirche und Glauben; die Frage nach Prioritäten von Gemeindearbeit wird wieder gestellt; Menschen überlegen neu, was ihnen Kirche eigentlich wert ist; Kreativität und Phantasie werden freigesetzt.
Deshalb geht "Fundraising" weit über die Gewinnung neuer Geldmittel hinaus: Gemeinden müssen Ziele entwickeln, die den Mitarbeitenden Orientierung geben. Neue MitarbeiterInnen sind zu gewinnen. Denn die Menschen, die nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Zeit zur Verfügung stellen, bleiben das wichtigste Kapital jeder Gemeindearbeit.


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